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A110 - Alpine Flunder

  • jakobzacharias
  • 19. Nov. 2024
  • 5 Min. Lesezeit
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Es nebelt noch humid um den Gefrierpunkt herum, als ich die Alpine sanft aus ihrem Schönheitsschlaf erwecke. An der Frontpartie blitzen vier kreisrunde Halos auf, der perlende Wasserschleier auf den Scheinwerfern streut das Licht diffus in die Peripherie. Es ist ein aufregendes Rendez-vous am frühen Morgen, denn bei der bevorstehenden Fahrt mit der A110 werde ich meine Autosinne ganz besonders schärfen. Sie wird den ersten Blogeintrag aus meiner Feder zieren.

Bevor ich bereits im Stand dahinschmelze wird es türhandgreiflich. Der Öffner - unspektakulär in seiner Ausführung - erlaubt es das Portal zu Schalensitz und Sportlenkrad freizulegen. Gelenk und vom Prozedere durch ein betagtes Eunos-Derivat in Fleisch und Blut übergegangen, lasse ich mich in die Flunder rutschen und finde nach wenigen Augenblicken bereits meine bevorzugte Sitzposition, obgleich die Hartschale nur in der Longitudinalen verrückbar ist. Der eigene Atem wird aufgrund der niedrigen Temperaturen im Innenraum sichtbar, hauchen wir der Französin also ein bisschen Leben ein. Den linken Fuß auf der Bremse, während die rechte Hand über die karbonisierte Mittelkonsole zum rot getränkten Buzzer wandert. Das Einskommaacht-Liter-Turboaggregat erwacht, die vier Kolben sausen direkt hinter mir durch die Brennkammern. Während der Mittelmotor langsam an Wärme gewinnt und die Bauteile geschmiert werden, fällt die Drehzahlnadel leicht in einen angenehmen Leerlaufzustand. Ich justiere die rückblickenden Sichtinstrumente und vergewissere mich, dass Abstand und Höhe der Lenksäule steten Handkontakt mit dem Volant in der bevorstehenden Kurvenhatz ermöglichen.

Ein Dreiergestirn mit der Aufschrift D-N-R in der Mitte der Kabine ermöglicht die Auswahl der gewünschten Rotationsrichtung im Antriebsstrang.

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Drive. Langsam nehme ich den Druck vom Bremspedal und wir setzen uns behutsam in Bewegung, wobei die Romantik etwas durch den Klang des elektrischen Stellmotors einer sich lösenden Handbremse unterbrochen wird. Raus aus der Stadt, rauf auf die Landstraße. Das Drehzahlband wickle ich die ersten Kilometer nur bis 4000 1/min ab, doch die Leichtfüßigkeit des Vehikels lässt sich bereits erahnen. Lediglich 4,3 Kilogramm müssen von jedem Pferd beschleunigt werden. Spät verzögernd steuern wir den ersten Kreisverkehr an. Nah an der Mittellinie anfahren, dann rechts voll über den Wippermann ähnlichen Rüttelstein. Ein beherzter Lastwechsel durch Lenkeinschlag gegen den Uhrzeigersinn und die Alpine wird leicht am Heck, lässt sich schwungvoll nach einer dreiviertel Umdrehung aus dem Karussell herauszirkeln. Ich muss grinsen, das ist ja wunderbar wie schnell wir miteinander warm werden. Aus einer spontanen Lust heraus latsche ich auf das Gaspedal und urplötzlich saugt ein Trakt links neben meinem Ohr mit einem kräftigen Zug herbstlichen Sauerstoff ein. Ich lupfe den rechten Fuß und wie ein zuverlässiger Adduktor-Abduktor Mitspieler entlässt das elektronische Wastegate zischend den sonst TwinScrollLader schädigenden Luftdruck von 1,2 bar. Mit so banalen Freuden hat man mich sofort an der Angel und ich wiederhole den Vorgang mindestens ein Dutzend Mal bis ich ablassen kann. Das daraus resultierende kurzintervallische Ein- und Austauchen des Fahrwerks muss auf den außenstehenden Betrachter wie eine Flunder mit Potenzstörung wirken. Sei es drum.


Es zwitschert so herrlich der Lader

Back to normal. Lässt man es in der Alpine entspannt angehen, wirkt sie von der Motorcharakteristik her überraschenderweise fast schon wie ein beliebig daherkommendes Automobil. Gerade einmal 5-6L strömen auf 100 Kilometer super durch die Leitungen, während die Akustik des Triebwerks beinahe schon zu vollständig in den Hintergrund gerät.



Allmählich wird die Landschaft topographischer, links und rechts ziehen die ersten Felswände auf, vereinzelnde Nebelschwaden versperren der Sonne noch die Reflektion auf dem weißen Metalliclack. Und dann tauchen wir ein. In einen Tunnel, der als Galerie auslaufen und auf seiner Gegenseite eine in Sonne getränkte Landschaft freilegen wird.

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Ich werfe den rechten Blinker, der unmittelbar eine rhythmische Akustik in Renault typischem Getöne aussendet, das irgendwie immer etwas an einen billigen Kunststoffklangkasten aus einem Nutzfahrzeug erinnert. Ein leichter Schwenk am Lenkrad und in den Radkästen ist das Rasseln von Kieselsteinen zu vernehmen. Die Alpine kommt an einem sonnigen Schotterparkplatz zum Stehen, wo sie sich sich in der Sonne aalt und mir die Gelegenheit gibt, den Lichtspielen in ihrem Innenraum und auf ihrer Aluhaut zu frönen. Der Blick gleitet vom plastischen Lenkrad herüber zum Monitor, dessen ausgeprägter Rahmen mich an technische Gerätedisplays der frühen 2000er erinnert. Das hat im Kontext eines Gefährts, das klassische Tugenden eines fahrerzentrierten Erlebnisses bedient, fast schon nostalgischen Charme. Unmittelbar darunter erstreckt sich eine beinahe aeronautische Schalterleiste, die Quell für haptische und bedienende Freuden ist. Dieses Konzept der schnellen Erreichbarkeit wichtiger Funktionen wirkt wie ein Überbleibsel vergangener Errungenschaften, dessen Überlegenheit noch recht zögerlich in das Bewusstsein der Innenraumgestalter moderner Fahrzeuge reinkarniert.



Die Fahrertür ploppt auf und sofort verfängt sich ein Sonnenstrahl in den französischen Landesfarben, die auf gesteppter Raute in die Türtafel eingearbeitet sind. Ich pelle mich aus dem Innenraum und lasse mich über den Schweller nach außen gleiten.



Nutzen wir doch den Moment, um die Karosserie auf uns wirken zu lassen. An der Frontpartie gibt es einen ganz bestimmten Winkel, von dem aus sich Scheinwerfer und Zusatzleuchten aus der Außenhaut prominent herauswölben. In Zusammenspiel mit den fein herausgearbeiteten Linien auf der Frunkhaube hat es fast den Anschein, man würde auf die Schnauze eines Alligators blicken. So ein paar gestalterische Elemente hauchen dem Aluminium unmittelbar Leben ein.  

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Beim Umrunden der Alpine kommen nun viele kleine optische Raffinessen peu à peu zum Vorschein. Das Dach scheint an der C-Säule leicht zu schweben, wird von einem Übergang der Seiten- zur Heckscheibe fein unterbrochen. Der dahinterliegende Ansaugtrakt versorgt das querverbaute Triebwerk, dessen Lage durch die Heckscheibe hindurch angedeutet wird, mit ausreichend Luft.



So eine Annäherung an ein Automobil mit allen Sinnen erscheint mir immer wie eine Grundvoraussetzung, um sich der Intuition am Volant hingeben zu können. Ich schäle mich also wieder in die Sitzapparatur, buzzere den Motor wach und wähle den Sportmodus. Das digitale Cockpit wechselt sein legeres Outfit, stülpt sich nach hinten über und gibt nun auch abgerufenes Drehmoment und Leistung preis.



Ehe ich mich versehe, sprinten die Alpine und ich auf und davon. Während binnen Viereinhalb Sekunden der Tachometer auf eine dreistellige Zahl hochspult, werde ich in den Sitz gepresst. Hinter meinem Gesäß rauschen die Moleküle durch den Abgasstrang, umschlossen von der gebündelten Umgebungsluft, die kontrolliert über den Diffusor entlassen wird. Während des sich markig vollziehenden Gangwechsels zischt das Wastegate hinter mir auf der Empore kurz auf, um direkt wieder von einem fauchenden Inhalieren abgelöst zu werden. Fehlzündungen beim Entspannen des Gaspedals drücken knatternde Schallstöße in den Innenraum der Fahrerkabine.


Im Rausch der Fahrt

Im Fluss der Ideallinie rauschen wir durch einen engen Waldabschnitt, die Bäume verschwimmen am Rande des Blickwinkels zu einer Warpmasse, Adrenalin strömt in die Blutbahn. Die Sinne sind geschärft, die nächste Kurve leiten wir schwungvoll ein. Die Alpine sendet aus, dass die herannahenden Bodenunebenheiten sie wohl zu einem lateralen Freudenhüpfer bewegen werden. In Antizipation ihrer Verhaltensankündigung lassen wir uns ausreichend Spielraum - dann versetzt das Fahrzeug federleicht, springt kurz über alle vier 205er Gummis, krallt sich wieder in den frischen Asphalt und frisst gierig den ausgerollten Straßenteppich vor uns.

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Welch Freude und Schauspiel. Es wirkt fast surreal, wie sehr sich Fahrer und Fahrzeug miteinander verbunden fühlen.

Ein herannahender Tunnel, schroff in den Berg geschlagen, gestaltet eine mystische Passage zwischen der soeben erlebten Trance und der realen Welt. Ich schalte zurück in den normalen Modus, die 16 Ventile scheinen langsam das Laktat aus den Zylinderlaufbahnen loszuwerden, der Lüfter transportiert warme Abluft in die Umgebung. Am anderen Ende des Tunnels werden wir wieder vom trüben Wetter verschlungen und mir bleibt die Erinnerung an einen Rausch, den ich in Gedanken noch oft nachfahren werden.


Runterkommen. Durchatmen.


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